Studium
Pina Bausch hat mit dem Tanztheater Wuppertal eine ganze Kunstform neu erfunden. William Forsythe hat das klassische Ballett dekonstruiert und in etwas radikal Zeitgenössisches verwandelt. Anne Teresa De Keersmaeker hat mit minimalistischer Bewegungssprache internationale Maßstäbe gesetzt. Hinter jedem dieser Werke steht eine choreografische Vision – die Fähigkeit, Bewegung, Raum, Zeit und Körper zu einer künstlerischen Aussage zu formen. Choreografie ist die Kunst des Erfindens und Inszenierens von Tanz – und Choreografie als Studiengang ist die akademische Ausbildung, die genau diese Fähigkeit systematisch entwickelt. Im Unterschied zu Tanz – dem Studium der eigenen Bühnenpraxis als Tänzer:in – und zu Tanzpädagogik – dem Studium der Tanzvermittlung – ist Choreografie die Disziplin der künstlerischen Eigenproduktion: Du erschaffst Tanzwerke, inszenierst Körper im Raum und entwickelst eine eigene choreografische Handschrift. Es ist ein grundständiger Bachelor-Studiengang (B.A.), der an spezialisierten Kunsthochschulen angeboten wird und zu den selektivsten und künstlerisch eigenständigsten Studiengängen im deutschen Hochschulbereich gehört.
Choreografie wird als eigenständiger Bachelor-Studiengang (B.A.) an einer sehr kleinen Zahl von Hochschulen angeboten – darunter die Folkwang Universität der Künste Essen, die Hochschule für Musik und Theater Hamburg sowie vereinzelte weitere Kunsthochschulen. An manchen Standorten ist Choreografie kein eigenständiger Bachelor, sondern ein Schwerpunkt innerhalb des Tanzstudiums oder wird erst auf Masterebene als eigenständige Disziplin angeboten. Die Regelstudienzeit beträgt in der Regel acht Semester. Die Studierendenzahlen sind extrem klein – oft nur wenige pro Jahrgang – was intensive Einzelbetreuung durch erfahrene Choreograf:innen und Professor:innen ermöglicht. Die Zulassung erfolgt ausschließlich über ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren.
Das Studium ist projektbasiert, experimentell und stark auf die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Stimme ausgerichtet. Choreografisches Arbeiten und Komposition sind das Herzstück: Du entwickelst eigene Bewegungsideen, erforschst choreografische Strukturen – Wiederholung, Kontrast, Zeitlichkeit, Raumnutzung – und realisierst in jedem Semester neue choreografische Arbeiten vor Publikum. Tanztechnik bleibt begleitendes Training: Ohne fundiertes Körperwissen und Bewegungsverständnis ist choreografische Arbeit nicht möglich. Dramaturgie und konzeptionelles Arbeiten zeigen Dir, wie choreografische Werke inhaltlich entwickelt werden: Wie entsteht eine Idee? Wie wird sie in Bewegung übersetzt? Welche Struktur trägt das Stück? Kompositionslehre und Raumgestaltung zeigen Dir die formalen Mittel der Choreografie: Timing, Dynamik, Raumwege, Gruppenformationen und die Beziehung von Tänzer:innen zueinander und zum Publikum. Improvisation als Recherchemethode zeigt Dir, wie Bewegungsmaterial durch systematische Improvisation und Exploration entwickelt wird. Zusammenarbeit mit Musik, Licht und Bühne zeigt Dir die interdisziplinäre Dimension der Bühnenproduktion – Choreografie entsteht immer im Dialog mit Komponist:innen, Lichtdesigner:innen und Bühnenbildner:innen. Tanzgeschichte und choreografische Analyse zeigen Dir das Erbe der Tanzkunst: Was haben Nijinsky, Martha Graham, Cunningham, Bausch und Forsythe choreografisch erfunden – und wie hat das das Feld verändert? Eigene Produktionen mit Außenwirkung – Aufführungen vor echtem Publikum, Präsentationen auf Festivals – sind von Anfang an Teil des Studiums.
Es ist von Vorteil, wenn Du einige der folgenden Fähigkeiten bereits mitbringst. Diese kannst Du jedoch im Laufe des Studiums und Deines Berufslebens weiter aufbauen und erweitern.
Die Aufnahmeprüfung für Choreografie ist künstlerisch außergewöhnlich anspruchsvoll. Neben tänzerischen Fähigkeiten – die in Technikklassen und Improvisationsaufgaben geprüft werden – steht die choreografische Eigenleistung im Mittelpunkt: Du präsentierst eigene choreografische Arbeiten oder Skizzen, die Deine künstlerische Haltung, Deine konzeptionellen Ideen und Dein Entwicklungspotenzial zeigen. Intensive Gespräche mit der Aufnahmekommission über künstlerische Absichten und Referenzen sind Teil des Verfahrens. Eigene Tanz- und Choreografieerfahrung – aus der freien Szene, aus Tanzprojekten oder aus dem Studium anderer Kunstfächer – ist unverzichtbar. Die allgemeine Hochschulreife ist formale Voraussetzung, aber bei der Zulassung nachrangig.
Choreograf:innen arbeiten in einem kleinen, aber international vernetzten und künstlerisch lebendigen Berufsfeld – mit der klaren Einschränkung, dass finanzielle Stabilität selten ist und künstlerische Freiheit ihren Preis hat.
Als freischaffende:r Choreograf:in in der freien Tanzszene entwickelst Du eigene Stücke, realisierst sie mit Tänzer:innen und präsentierst sie auf Festivals – Impulstanz Wien, Tanzplattform Deutschland, Tanz im August Berlin – oder in Gastspielen an Theatern. Als Hauschoreograf:in oder Choreograf:in im Ensemble eines Stadttheaters oder einer Tanzcompagnie entwickelst Du Produktionen für das Repertoire des Hauses. Als Gastchoreograf:in arbeitest Du projektweise für verschiedene Compagnien und Theater. In interdisziplinären Kunst- und Performanceprojekten verbindest Du Choreografie mit Bildender Kunst, Musik, Theater oder Film. In der Opernregie und im Musiktheater choreografierst Du Bewegung und Tanz als Teil größerer Bühnenproduktionen. In der Filmchoreografie entwickelst Du Bewegung und Tanz für Kino- und Musikvideoproduktionen. Viele Choreograf:innen unterrichten parallel – an Kunsthochschulen, in Workshops und in der freien Szene.
Das Einkommen als Choreograf:in ist eines der variabelsten und oft bescheidensten im Kunstbetrieb. Projektgagen für choreografische Arbeiten variieren stark – von kleinen Förderproduktionen mit wenigen tausend Euro bis zu gut dotierten Auftragsproduktionen großer Theater. Als Hauschoreograf:in an einem Theater mit NV-Bühne-Vertrag sind 2.500 bis 4.500 Euro brutto im Monat möglich. Viele Choreograf:innen kombinieren choreografische Arbeit mit Unterrichtstätigkeit, Workshopleitungen und anderen künstlerischen Tätigkeiten. Projektförderungen – durch Kulturbehörden, Kunststiftungen oder den Fonds Darstellende Künste – sind oft die Finanzierungsgrundlage für freie Produktionen. Die Künstlersozialkasse (KSK) bietet soziale Absicherung. Choreografie ist kein Beruf für finanzielle Sicherheit – sondern für Menschen mit starker künstlerischer Vision und der Bereitschaft, für diese Vision auch wirtschaftliche Unsicherheit in Kauf zu nehmen.
Choreografie ist das Studium für alle, die nicht tanzen wollen, was andere erfunden haben – sondern selbst erfinden wollen, was andere tanzen. Du entwickelst eine eigene künstlerische Sprache aus Körper, Raum und Zeit und setzt sie in Werke um, die Menschen berühren, irritieren und bewegen. Es ist eines der kleinsten, kühnsten und künstlerisch anspruchsvollsten Studienangebote überhaupt – für alle, die eine Vision haben und den Mut, sie auf die Bühne zu bringen.

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