Studium
Der Islam ist mit fast zwei Milliarden Gläubigen weltweit die zweitgrößte Religion – und in Deutschland mit rund fünf Millionen Muslim:innen eine bedeutende gesellschaftliche Realität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam, seiner Theologie, seiner Geschichte und seiner Gegenwart ist eine der wichtigsten und zugleich unterentwickelten Disziplinen im deutschen Hochschulwesen. In den letzten Jahren hat sich das deutlich verändert: Islamische Theologie, Islamische Studien und Islamische Religionslehre sind als eigenständige Studiengänge an deutschen Universitäten etabliert worden – als Antwort auf den Bedarf an akademisch ausgebildeten islamischen Theologen und Religionslehrenden, die in Deutschland ausgebildet werden. Diese drei Studiengänge unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung: Islamische Theologie ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem islamischen Glauben aus einer engagierten theologischen Perspektive. Islamische Studien ist stärker kulturwissenschaftlich und ohne konfessionelle Bindung zugänglich. Islamische Religionslehre ist auf das Lehramt für islamischen Religionsunterricht an Schulen ausgerichtet. Alle drei sind grundständige Bachelor-Studiengänge (B.A.), die an einer wachsenden Zahl von Universitäten angeboten werden.
Islamische Theologie und verwandte Studiengänge werden an einer wachsenden Zahl von Universitäten angeboten – darunter die Universität Tübingen, die Universität Frankfurt, die Universität Münster, die Universität Osnabrück, die Universität Erlangen-Nürnberg sowie weitere Standorte. Die Zentren für Islamische Theologie – ZITh – an diesen Universitäten wurden in den letzten Jahren systematisch aufgebaut und sind Teil einer bewussten staatlichen Entscheidung, islamische Theologie als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland zu etablieren. Die Regelstudienzeit beträgt sechs Semester. Je nach Studiengang und Hochschule variieren Schwerpunkte und Zugangsvoraussetzungen erheblich.
Das Studium baut auf Arabisch als zentraler Sprache auf. Arabisch – klassisches Arabisch für den Koran und die islamische Literatur, modernes Standardarabisch für aktuelle Texte – ist Pflichtfach in allen drei Studiengängen: Du lernst, den Koran im Original zu lesen und islamische Texte der klassischen und modernen Zeit zu erschließen. Koranwissenschaft und Tafsir zeigen Dir, wie der Koran entstanden ist, überliefert wurde und in verschiedenen Epochen ausgelegt wird – von den klassischen Kommentaren bis zu modernen reformorientierten Interpretationen. Hadithwissenschaft zeigt Dir, wie die Überlieferungen des Propheten Muhammad gesammelt, bewertet und für die islamische Praxis genutzt werden. Islamische Rechtswissenschaft – Fiqh und Usul al-Fiqh – zeigt Dir, wie islamisches Recht aus Koran und Sunna abgeleitet wird und welche Rolle die vier klassischen Rechtsschulen dabei spielen. Islamische Geschichte und Zivilisationsgeschichte zeigen Dir den Aufstieg des Islam, die klassische islamische Zivilisation, die Kreuzzüge, das osmanische Reich und die islamische Welt in der Moderne. Islamische Theologie – Kalam – ist die systematisch-dogmatische Auseinandersetzung mit den Glaubensinhalten des Islam: Gotteslehre, Prophetologie, Eschatologie. Islamische Philosophie und Ethik erschließen Dir das reiche Erbe islamischen Denkens – al-Farabi, Avicenna, Averroes, al-Ghazali – und seine Wechselwirkung mit griechischer Philosophie und jüdischem Denken. In der Islamischen Religionslehre kommen Religionsdidaktik und Schulpraktika für den islamischen Religionsunterricht hinzu.
Es ist von Vorteil, wenn Du einige der folgenden Fähigkeiten bereits mitbringst. Diese kannst Du jedoch im Laufe des Studiums und Deines Berufslebens weiter aufbauen und erweitern.
Für den Bachelor Islamische Theologie, Islamische Studien oder Islamische Religionslehre wird die allgemeine Hochschulreife vorausgesetzt. Das Fach wird an staatlichen Universitäten angeboten. Der NC ist an den meisten Standorten moderat oder das Fach ist zulassungsfrei. Eine islamische Religionszugehörigkeit ist für Islamische Studien keine Pflicht; für Islamische Theologie und Islamische Religionslehre kann sie je nach Hochschule und Bundesland relevant sein – informiere Dich direkt bei der jeweiligen Universität. Vorkenntnisse in Arabisch sind kein Pflichtkriterium, aber ein echter Vorteil.
Absolvent:innen islamischer Studiengänge arbeiten in einem Berufsfeld, das durch den Aufbau islamischer Strukturen in Deutschland – Moscheen, Verbände, islamischer Religionsunterricht, muslimische Seelsorge – wächst und gesellschaftlich zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Als Islamische Religionslehrer:in an staatlichen Schulen unterrichtest Du islamischen Religionsunterricht – ein Berufsfeld, das durch die Einführung ordentlichen islamischen Religionsunterrichts in immer mehr Bundesländern wächst. Für die volle Lehramtsbefähigung ist ein Lehramtsstudiengang oder ein entsprechender Master erforderlich. In muslimischen Gemeinden und Verbänden – Moscheegemeinden, DITIB, Zentralrat der Muslime, islamischen Wohlfahrtsverbänden – arbeitest Du in der Gemeindearbeit, religiösen Bildung oder Verwaltung. Als Imam oder islamische:r Seelsorger:in – in Moscheen, Krankenhäusern, Gefängnissen oder der Bundeswehr – begleitest Du Muslim:innen religiös. Im interreligiösen Dialog – bei Kirchen, dem Rat der Religionen, der Deutschen Islam Konferenz oder akademischen Dialoginstitutionen – bringst Du islamisches Wissen in den Dialog zwischen den Religionen. In Bildungseinrichtungen und Kulturinstitutionen mit islamischem Profil – islamischen Schulen, Akademien oder Kulturzentren – entwickelst Du Bildungsangebote und vermittelst islamische Kultur. In der Wissenschaft und Hochschullehre forschst Du zu islamischer Theologie, Geschichte oder Gegenwartsfragen des Islam in Deutschland.
Das Gehalt variiert stark je nach Berufsfeld. Als islamische:r Religionslehrer:in im Beamtenstatus nach A13/A14 sind attraktive und stabile Gehälter möglich. In muslimischen Gemeinden und Verbänden variieren die Gehälter je nach Größe und Finanzierung der Einrichtung – oft moderat. Als Imam richtet sich das Einkommen nach dem jeweiligen Träger. In der Wissenschaft nach TVöD. Die islamischen Studiengänge sind noch jung in Deutschland – die Berufsfelder wachsen, und die Gehaltsentwicklung folgt der Institutionalisierung islamischer Strukturen in Deutschland.
Islamische Theologie, Islamische Studien und Islamische Religionslehre sind Studiengänge für alle, die den Islam nicht aus zweiter Hand kennen wollen – sondern aus seinen Quellen, seiner Geschichte und seiner lebendigen Gegenwart. Du lernst Arabisch, liest den Koran im Original, verstehst islamisches Recht und Philosophie und arbeitest an der Frage, wie der Islam in einer pluralen deutschen Gesellschaft gelebt und vermittelt werden kann. Es sind junge, wachsende Fächer mit echter gesellschaftlicher Relevanz – für alle, die Brücken bauen wollen zwischen islamischer Tradition und moderner Welt.
