Studium
Warum werden manche Menschen zu Straftäter:innen und andere nicht? Was treibt Menschen zu Gewaltverbrechen, Betrug oder organisierter Kriminalität? Wie wirksam sind Gefängnisstrafen wirklich – und welche Alternativen gibt es? Wie lässt sich Kriminalität durch gesellschaftliche Maßnahmen verhindern, bevor sie entsteht? Kriminologie ist die Wissenschaft, die diese Fragen systematisch untersucht – als interdisziplinäre Disziplin an der Schnittstelle von Recht, Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft. Sie erforscht die Ursachen von Kriminalität, die gesellschaftlichen Reaktionen darauf und die Wirksamkeit von Strafverfolgung, Prävention und Resozialisierung. Im Unterschied zu Rechtswissenschaften – die sich mit der normativen Frage befassen, was strafbar ist und wie Strafrecht angewendet wird – fragt Kriminologie empirisch: Warum passiert Kriminalität, wer ist betroffen und was lässt sich dagegen tun? Im Unterschied zu Wirtschaftskriminalistik – die stärker auf die praktische Aufdeckung wirtschaftlicher Straftaten ausgerichtet ist – ist Kriminologie die wissenschaftliche Grundlagendisziplin der Verbrechensforschung. Kriminologie ist ein grundständiger Bachelor-Studiengang (B.A. oder B.Sc.), der an einer kleinen Zahl von Hochschulen angeboten wird und in Berufsfelder in Strafverfolgung, Prävention, Sozialarbeit und Wissenschaft führt.
Kriminologie als eigenständiger Bachelor-Studiengang (B.A. oder B.Sc.) wird an einer kleinen Zahl von deutschen Hochschulen angeboten – darunter die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), die Hochschule Fulda sowie einzelne weitere Standorte. An den meisten Universitäten ist Kriminologie kein eigenständiger Bachelor, sondern ein Schwerpunkt oder Nebenfach innerhalb von Rechtswissenschaften oder Soziologie. Die Regelstudienzeit beträgt sechs bis sieben Semester. Kriminologie ist stärker sozialwissenschaftlich und empirisch ausgerichtet als Rechtswissenschaften – und stärker theoretisch-wissenschaftlich als Polizeivollzugsdienst oder Wirtschaftskriminalistik.
Je nach Hochschule wird dasselbe oder ein sehr ähnliches Programm auch unter dem Namen Kriminalwissenschaften angeboten – inhaltlich ist der Unterschied minimal, da Kriminalwissenschaften als Oberbegriff Kriminologie, Kriminalistik und Strafrecht zusammenfasst und in der Praxis häufig synonym verwendet wird.
Das Studium verbindet rechtliche, sozialwissenschaftliche und kriminologische Inhalte. Grundlagen der Kriminologie vermitteln Dir die Geschichte, Theorien und Methoden der Kriminologie: Was ist Kriminalität aus wissenschaftlicher Sicht? Wie hat sich das Verständnis von Verbrechen und Strafe historisch entwickelt? Kriminalsoziologie zeigt Dir gesellschaftliche Ursachen von Kriminalität: soziale Ungleichheit, Armut, Ausgrenzung, Subkulturen und gesellschaftliche Desorganisation als Faktoren der Kriminalitätsentstehung. Kriminalpsychologie zeigt Dir individuelle Ursachen: Persönlichkeitsstörungen, Traumata, Sucht, kognitive Verzerrungen und die Psychologie kriminellen Verhaltens. Strafrecht und Strafprozessrecht zeigen Dir den rechtlichen Rahmen: Was ist strafbar, wie werden Straftaten verfolgt und welche Rechte haben Beschuldigte und Opfer? Viktimologie – Opferforschung – zeigt Dir, wer Opfer von Straftaten wird, welche Folgen das hat und wie Opfer unterstützt werden können. Kriminalprävention zeigt Dir Strategien und Programme zur Verhinderung von Kriminalität: situative Prävention, soziale Prävention, täterorientierte und opferorientierte Ansätze. Sanktionenrecht und Strafvollzug zeigen Dir, wie staatliche Reaktionen auf Kriminalität – Freiheitsstrafen, Bewährung, gemeinnützige Arbeit – ausgestaltet sind und wie wirksam sie sind. Resozialisierung und Bewährungshilfe zeigen Dir, wie straffällig gewordene Menschen wieder in die Gesellschaft integriert werden. Dunkelfeldforschung und Kriminalstatistik zeigen Dir, wie Kriminalität gemessen wird – und warum die polizeiliche Kriminalstatistik nur einen Bruchteil der tatsächlichen Straftaten erfasst. Empirische Forschungsmethoden – Befragungen, Experimente, Aktenanalysen – sind Pflichtbestandteil.
Es ist von Vorteil, wenn Du einige der folgenden Fähigkeiten bereits mitbringst. Diese kannst Du jedoch im Laufe des Studiums und Deines Berufslebens weiter aufbauen und erweitern.
Für den Bachelor Kriminologie wird die allgemeine Hochschulreife vorausgesetzt – an Fachhochschulen teils auch die Fachhochschulreife. Der NC variiert je nach Hochschule. Da Kriminologie an wenigen Standorten angeboten wird, lohnt es sich, frühzeitig zu recherchieren und sich an mehreren Hochschulen zu bewerben. Interesse an Recht, Soziologie und Psychologie sowie gute Noten in diesen Fächern sind faktisch hilfreich. Ein Vorpraktikum in einer Strafverfolgungsbehörde, Bewährungshilfe oder sozialen Einrichtung ist empfehlenswert.
Kriminolog:innen arbeiten in Berufsfeldern, die sich mit Kriminalität, Prävention und staatlicher Reaktion befassen – in einem breiten Spektrum von Strafverfolgung über Sozialarbeit bis zur Wissenschaft.
In Strafverfolgungsbehörden und beim Verfassungsschutz – als Analytiker:in, Kriminolog:in oder in der strategischen Kriminalitätsanalyse – wertest Du Kriminalitätsdaten aus und entwickelst Strategien zur Verbrechensbekämpfung. In der Kriminalprävention – bei kommunalen Präventionsräten, Landeskriminalämtern oder NGOs – entwickelst und evaluierst Du Präventionsprogramme für verschiedene Zielgruppen. Im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe – als Vollzugsbeamt:in, Sozialarbeiter:in oder Bewährungshelfer:in – begleitest Du straffällig gewordene Menschen auf dem Weg der Resozialisierung. In Opferschutzorganisationen und Beratungsstellen – beim Weißen Ring oder anderen Opferhilfeorganisationen – unterstützt Du Menschen nach Straftaten. In der Wissenschaft und Forschung – an Kriminologischen Forschungsinstituten wie dem KFN in Hannover oder an Universitäten – forschst Du zu Ursachen, Verläufen und Prävention von Kriminalität. In der Politik und Verwaltung – in Justizministerien oder bei der EU-Kommission – gestaltest Du Kriminal- und Sicherheitspolitik.
Das Gehalt variiert stark je nach Berufsfeld. In Strafverfolgungsbehörden und im öffentlichen Dienst nach TVöD oder Besoldungsordnung liegen die Einstiegsgehälter zwischen 32.000 und 48.000 Euro. In der Bewährungshilfe und im Strafvollzug zwischen 30.000 und 44.000 Euro. In der Wissenschaft nach TVöD oder TV-L. In der Politikberatung und bei NGOs variieren die Gehälter. Mit Masterabschluss, Promotion und Spezialisierung – besonders in der Kriminalanalyse oder Forensischen Psychologie – steigen die Möglichkeiten und Gehälter auf 50.000 bis 70.000 Euro und mehr.
Kriminologie ist das Studium für alle, die bei Kriminalität nicht nur fragen, wie sie bestraft wird – sondern warum sie entsteht und wie man sie verhindert. Du lernst, Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen zu verstehen, empirisch zu erforschen und durch Prävention und Resozialisierung zu bekämpfen. Es ist ein interdisziplinäres, gesellschaftlich relevantes und wissenschaftlich fundiertes Studium – für alle, die Sicherheit nicht durch härtere Strafen, sondern durch besseres Verstehen schaffen wollen.