Studium
Die Orgel ist das größte und komplexeste Musikinstrument der Welt – und gleichzeitig das älteste mechanische Instrument, das in der abendländischen Kunstmusik noch heute im vollen Einsatz ist. Mit Tausenden von Pfeifen, mehreren Manualen und dem Pedal als drittes Spielwerk ist sie ein Instrument, das den ganzen Körper fordert und den ganzen Raum füllt. Johann Sebastian Bach ist der überragende Name in der Orgelmusik – seine Toccaten, Fugen, Präludien und Choralbearbeitungen gehören zum absoluten Kernrepertoire und zu den anspruchsvollsten Werken der gesamten Musikgeschichte. Aber die Orgel ist kein museales Instrument: Sie wird neu komponiert, kreativ eingesetzt und erlebt in der zeitgenössischen Musik eine Renaissance. Wer Orgel an einer Musikhochschule studiert, wählt ein Instrument mit außergewöhnlicher Tiefe, einer untrennbaren Verbindung zur Kirchenmusik und einer wachsenden Präsenz in der Konzertszene. Der Bachelor of Music (B.Mus.) im Fach Orgel wird an deutschen Musikhochschulen angeboten und führt in einen Beruf, der Künstlertum, Spiritualität und kirchenmusikalische Verantwortung vereint.
Orgel wird als künstlerischer Bachelor-Studiengang (B.Mus.) an deutschen Musikhochschulen und kirchenmusikalischen Ausbildungsstätten angeboten – darunter die Hochschule für Musik und Theater München, die Hochschule für Musik Freiburg, die Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg und Tübingen sowie weitere Musikhochschulen mit kirchenmusikalischen Abteilungen. Orgel wird oft in enger Verbindung mit dem Kirchenmusik-Studiengang angeboten – teils als eigenständiges künstlerisches Hauptfach, teils als Hauptfach innerhalb der Kirchenmusikausbildung. Die Regelstudienzeit beträgt acht Semester. Die Zulassung erfolgt über eine Eignungsprüfung.
Der Einzelunterricht im Hauptfach Orgel bildet das Zentrum des Studiums. Das Repertoire ist außergewöhnlich reich und reicht über viele Jahrhunderte: Renaissancemusik (Frescobaldi, Scheidt), Barockmusik mit Bach als absolutem Zentrum (Toccaten, Präludien und Fugen, Choralbearbeitungen, Triosonaten), romantische Orgelmusik (Mendelssohn, Liszt, Reger, Franck, Widor), Impressionismus und Moderne (Messiaen, Distler, Pepping) bis hin zu zeitgenössischen Werken. Eine Besonderheit der Orgelausbildung ist die Orgelkunde: Du lernst, verschiedene historische und moderne Orgeltypen zu kennen, ihre Disposition zu verstehen und Dein Spiel auf unterschiedliche Instrumente anzupassen – denn keine zwei Orgeln sind gleich. Improvisation – das freie Spiel über gegebene Themen und liturgische Formeln – ist ein zentraler, oft wöchentlich unterrichteter Bestandteil. Generalbassspiel und historische Aufführungspraxis ergänzen die Ausbildung. Im Rahmen des Kirchenmusik-Studiums kommen Chorleitung, Liturgik, Hymnologie und Gemeindemusik als weitere Pflichtfächer hinzu.
Es ist von Vorteil, wenn Du einige der folgenden Fähigkeiten bereits mitbringst. Diese kannst Du jedoch im Laufe des Studiums und Deines Berufslebens weiter aufbauen und erweitern.
Die Zulassung zum Orgelstudium erfolgt über eine Eignungsprüfung. Das Vorspiel umfasst in der Regel Werke verschiedener Epochen – obligatorisch ein Bach-Werk – sowie eine Improvisationsaufgabe und eine Musiktheorieprüfung. Da Orgelspieler:innen meist vom Klavier kommen, werden gute Klavierkenntnisse oft vorausgesetzt oder im Rahmen der Prüfung mitbewertet. Die allgemeine Hochschulreife ist formale Voraussetzung. Kirchenmitgliedschaft ist an kirchlichen Hochschulen teils Zulassungskriterium, an staatlichen Musikhochschulen in der Regel nicht.
Das klassische Berufsfeld für Organist:innen ist die Kirchenmusik – und das ist ein stabiles, nachgefragtes und gesellschaftlich wichtiges Berufsfeld. Deutschland hat eine der dichtesten Kirchenmusikerstrukturen der Welt, und qualifizierte Kirchenmusiker:innen sind dauerhaft gesucht.
Als Kirchenmusiker:in – Kantor:in oder Organist:in – in einer evangelischen oder katholischen Gemeinde spielst Du regelmäßig bei Gottesdiensten Orgel, leitest Chöre, organisierst Konzerte und Musikveranstaltungen und gestaltest das musikalische Leben der Gemeinde. Das ist eine der wenigen Berufsfelder in der Musik, die eine stabile Festanstellung mit geregeltem Gehalt bieten – oft im kirchlichen Tarifsystem. Als Konzertorganist:in baust Du eine Karriere durch Konzerte in Kirchen, auf Festivals und mit Orchestern auf – besonders Orgelkonzerte erfreuen sich eines treuen und wachsenden Publikums. An Musikhochschulen und kirchlichen Ausbildungsstätten als Lehrende:r gibst Du Dein Wissen an den Nachwuchs weiter. In der Orgelforschung und historischen Aufführungspraxis arbeitest Du wissenschaftlich an der Rekonstruktion historischer Spielweisen und Instrumente.
Als hauptamtliche:r Kirchenmusiker:in – Kantor:in oder Organist:in – richtet sich das Gehalt nach den kirchlichen Tarifverträgen (KAVO für die katholische, BAT-KF für die evangelische Kirche) und liegt im Einstieg je nach Qualifikation und Stelle zwischen 38.000 und 55.000 Euro brutto im Jahr, mit guten Sozialleistungen und kirchlicher Altersversorgung. Als Konzertorganist:in variiert das Einkommen je nach Bekanntheit und Auftragslage. Als Orgellehrer:in an einer öffentlichen Musikschule nach TVöD liegen die Jahresgehälter im Einstieg bei 35.000 bis 48.000 Euro.
Orgel zu studieren bedeutet, sich einem Instrument zu widmen, das größer ist als jedes andere – und gleichzeitig eines, das in der Stille einer Kirche flüstert wie kein zweites. Es ist ein Studium für Musiker:innen, die Tiefe suchen: in der Musik, in der Spiritualität und in der Gemeinschaft. Wer bereit ist, die körperliche Koordination, die improvisatorische Freiheit und die kirchenmusikalische Verantwortung auf sich zu nehmen, findet in der Orgelkarriere ein Berufsfeld, das so langlebig, so bedeutsam und so klanggewaltig ist wie das Instrument selbst.

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